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07/17/18 um 09:55:59 News: Welcome to our forum.
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Die Stadt des Amun (Gelesen: 624101 mal)
Tawabet
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #60 - 10/11/06 um 18:23:23
 
"Ich habe selbstverständlich schon einen Boten losgeschickt!" erwiderte Nefertari ihrer Mutter ruhig und bestimmt.  
Die, die sie gut kannten, also vor allem ihr ältester Sohn, konnten ihrer Stimmlage anhören, dass sie leicht genervt war. Ihre Mutter allerdings merkte das wohl nicht, die war ihr auch schon zu entfremdet.
"Ja, Frau Mutter, sicher wird mein Gatte kommen. Er wird kommen und die Entscheidung des Gottes in die Tat umsetzen!" unterbrach Nefertari schließlich den unendlichen Redeschwall. "Aber bevor es soweit ist, müssen wir uns um die traurigen Umstände in unserer eigenen Familie kümmern. Morgen findet erst einmal die Beisetzung von Amunherchepeschefs erster Gemahlin statt."
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #61 - 10/12/06 um 18:35:41
 
Baketmut schwieg plötzlich betroffen und nickte.
Chonsemwia sah Nefertari an, als Baketmut sich endlich andächtig dem Essen und nicht dem Unsinnschwatzen widmete, und verdrehte die Augen.
Er und Hohepriester des Amun? War Baketmut verrückt?
Er mit seinem gichtigen Bein, er war doch viel zu ungelenk, um die Riten anständig zu vollziehen!
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Tawabet
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #62 - 10/12/06 um 18:44:00
 
Nefertari zwinkerte ihrem Vater amüsiert zu. Obwohl sie nicht allzuviel mit ihm sprach, mochte sie ihren alten Herrn fast lieber leiden als ihre geschwätzige, strenge Mutter, die stets die Macht und das Ansehen der Familie im Blick hatte.  
Von daher lag nun in ihren Augen das versprechen, ihrem Mann auf keinen Fall darum zu bitten, Chonsemwia zum Hohepriester zu machen. Nicht, dass Nefertari darüber jemals ernsthaft nachgedacht hatte. Ramses würde sicher einen fähigen Kandidaten auswählen, dessen war sich Nefertari sicher. Und sie hatte hier dafür zu sorgen, dass dieser Kandidat widerspruchslos von allen anerkannt wurde. Aber mit Bakenchons Hilfe würde das sicher kein Problem.
"Ihr kommt doch auch zu der Bestattung?" fragte die Königin nun ihren Vater. "Ich bin sicher, dass Amuni sich darüber freuen würde."
Amuni schien dazu jedoch nichts sagen zu wollen.
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #63 - 10/12/06 um 18:57:28
 
Chonsemwia versprach, daß er und Baketmut auch erscheinen würden.
"Bei einem solchen Anlaß muß die Familie doch zusammenhalten," fand er.
 
Tachat bohrte in der Nase.
Schon wieder redeten die Erwachsenen von dieser Bestattungsgeschichte!
Naja, morgen würde sie ja sehen, was es damit auf sich hatte...
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Tawabet
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #64 - 10/12/06 um 19:25:52
 
Am nächsten Tag war jedoch außer emsigen Vorbereitungen noch kaum etwas zu bemerken von der Bestattungsgeschichte. Nur gab es zu Tachats Erstaunen und Ärger sehr wenig zu Essen. Fasten war angesagt, denn das verlangten die kultischen Regeln und die guten alten Sitten, auf die man in Theben ja besonders viel hielt.
 
Erst am Abend, als die Sonne schon weit im Westen stand, setzte die königliche Familie über auf das Westufer.
"Schau mal, Tachat, da habe ich mal gewohnt!" sagte Tawabet leise zu ihrer Enkelin und zeigte auf das Dorf, das sich am Rande des Fruchtlandes erblickte. "Als deine Mama so klein war wie du, hat sie hier in den Feldern gespielt."
 
Hori und Padi standen, in saubere weiße Schurze gekleidet, still an der Reeling des Bootes. Ihnen beiden war noch nie so deutlich wie eben geworden, was diese Überfahrt eigentlich bedeutete. Hier hatte ihre große Schwester viel Zeit mit ihnen verbracht. Hetemet-scheri war ihnen fast ein Mutterersatz gewesen, denn wenn Tawabet bei ihren Patienten war, mußte ihre ältere Schwester immer auf sie aufpassen.
Stand da nicht am Ufer noch die Hütte, in der sie sich manchmal versteckt hatten? Dort, auf dieser kleinen Insel war es gewesen, dass Hetemet-scheri ihnen das Schwimmen beigebracht hatte.  
Ja, fremd war sie ihnen geworden, ihre Heimat, aber jetzt kamen die Erinnerungen wieder. Tränen standen den beiden Brüdern nun in den Augen, und beide Jungs trösteten sich gegenseitig. Schließlich waren sie junge Männer und konnten doch nicht öffentlich weinen!
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #65 - 10/12/06 um 19:38:19
 
"Hast du dann mit ihr geschimpft, weil sie sich dreckig gemacht hat?" wollte Tachat wissen. "Oder die Oma Nefi?"
So richtig hatte die Kleine die ganzen Verwandschaftsverhältnisse noch nicht durchblickt.
Sie war der Meinung, daß alle sich schon immer gekannt hatten und schon immer zusammen gewesen waren.
 
Baketmut schüttelte nur ihr Haupt.
Musste diese Bäuerin auch noch mit ihrer niederen Herkunft prahlen?
Sie schwieg, aber ihr Blick sprach Bände...
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Tawabet
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #66 - 10/12/06 um 19:55:05
 
Tawabet lächelte verhalten. "Wenn sie gar zu dreckig war, dann schon. Dann habe ich sie in einen großen Zuber gesteckt und ordentlich geschrubbt. Ach, sie war so süß, meine kleine Hetemet!"
Sie seufzte und nun tropften auch ihr ein paar Tränen über die Wangen. Warum hatte sie so viele Kinder verlieren müssen? Drei ihrer Töchter waren nun schon bei Osiris, während sie eine alte Frau war, nach der kein Hahn mehr krähte. Dass Ameni, den sie wirklich geliebt hatte, nicht mit ihr gekommen war in dieser schweren Zeit, dass er sogar vergessen hatte, sie zu verabschieden, das sagte doch einfach alles.  
Sie fühlte den gehässigen Blick der Mutter der Königin auf sich ruhen. Wohl gelitten war sie im thebanischen Adel auch nicht, das wußte sie. Aber nach hause zurück führte auch kein Weg mehr...
 
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #67 - 10/12/06 um 20:07:29
 
"Warum weinst du?" wollte Tachat wissen. "Der Papa hat gesagt, daß Mama wiederkommt...und wo gehen wir jetzt hin? Was passiert denn nun?"
Im Gegensatz zu den bedrückt schweigenden anderen Anwesenden war Tachat ziemlich neugierig und fand bislang alles furchtbar interessant, wenn doch nur ihr Bäuchlein nicht so knurren würde.
 
"Wo müssen wir denn nun hin?" quengelte sie und zupfte an ihrer Großmutter herum. "Gibt's gleich was zu essen? Ist es noch weit?"
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Tawabet
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #68 - 10/12/06 um 20:15:12
 
Tawabet, die gestern genau gehört hatte, was Amuni Tachat versucht hatte zu erklären, schüttelte traurig den Kopf. "Sie kommt nicht wieder. Aber wir werden alle irgendwann einmal dorthin gehen, wo sie jetzt ist, Tata. Deine Mama ist tot. Das heißt, dass sie jetzt bei Osiris wohnen wird, wie alle anderen Toten auch. So, wie meine Mama und meine Oma, und alle, die vor uns gelebt haben."
Sie seufzte, beantwortete dann aber Tachats andere Frage. "Es ist nicht mehr weit. Bald sind wir in dem Festzelt, wo die Totenwache stattfinden wird. Dann gibt es auch etwas zu essen. Wir werden heute die ganze Nacht wachbleiben."
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #69 - 10/12/06 um 20:17:49
 
"Die ganze Nacht?" wiederholte Tachat und konnte sich nur schwerlich das Grinsen verkneifen. Das wurde ja noch richtig spannend, ein wirkliches Abenteuer! Die ganze Nacht war sie noch nie auf gewesen!
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Tawabet
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #70 - 10/12/06 um 20:25:24
 
"Ja, die ganze Nacht!" Tawabet fand das ziemlich anstrengend, aber ihre Enkelin schien sich über die Aussicht richtiggehend zu freuen.  
Für ihre Tochter wollte sie auch alles richtig machen. Ob sie den Weg gefunden hatte? Ob sie an all den schrecklichen Dämonen vorbeigekommen war? Oder war sie auf den Koftaverkäufer hereingefallen? Mit Schrecken dachte Tawabet an all die lauernden Gefahren. Aber auch daran, dass sie dort ihre Töchter gesehen hatte, ihre Mutter und Großmutter und ihren verstorbenen Mann. Alle waren sie angekommen gewesen. Also würde Hetemet-scheri sicher auch dorthin gelangen. Sie würde weißes Brot essen und frisches Wasser trinken und die Macht erlangen, in jeglicher Gestalt auf die Erde herauszugehen, um nach dem rechten zu sehen. Die Riten, die man heute und morgen an ihrer Mumie abhalten würde, würden dafür sorgen.
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #71 - 10/12/06 um 20:30:36
 
Tachat nahm sich vor, wirklich lange die Augen aufzuhalten, um nun ja alles mitzubekommen, was geschah.
Sie hegte ja immer noch die Hoffnung, daß dieses ganze Brimborium ihr die Mutter wiederbringen würde und was das anging, so ließ sie sich nicht beirren.
Aber schließlich wurde sie doch müde und nickte ein.
Erst lehnte sie sich nur müde an Tawabet an, dann würde ihr Köpfchen immer schwerer und dann schließlich fiel sie ihrer Großmutter fast in den Schoß, steckte den Daumen in den Mund und schlummerte ganz ruhig...
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #72 - 10/12/06 um 21:24:50
 
Behutsam ließ Tawabet ihre Enkelin in ihrem Schoß schlummern. Schlafend sah sie ihrer Mutter unheimlich ähnlich, fand die Rechet. Sie würde sich in Zukunft wohl noch mehr um die Kleine annehmen. War nicht auch sie bei ihrer Großmutter aufgewachsen?  
 
Der Zug erreichte das Westufer. Klagefrauen stimmten die alten Klagelieder an, die von der Einsamkeit der Hinterbliebenen sangen. Obwohl Hetemet-scheri eine Frau gewesen war, sangen sie von der Einsamkeit der Witwe, denn so wollte es der Mythos um Isis und Osiris.
Am Rande des Fruchtlands war ein Festzelt aufgestellt worden, in dem die Nachtwache statfinden sollte. Ein Priester trat heraus, dem zwei Helfer folgten. Sie begleiteten das Lied, das der Priester nun anstimmte, mit dem düsteren Klang von Trommeln und Gongs.
 

Zittern befällt das östliche Lichtland
auf das Klagegeschrei in der Balsamierungshalle hin!
Isis ist in großer Wehklage,
Nephthys weint um diesen ältesten Gott, den Herrn der Götter.
Ein Anschlag wird geplant gegen seine Beaufsichtigung in der Balsamierungshalle
seitens dessen, der ihm etwas angetan hat,
nachdem er sich gegen ihn in einen Floh verwandelt hat,
um unter seine Flanken zu kriechen.
 
Seid wachsam, ihr in der Reinigungshalle,
paßt auf, ihr in der Balsamierungshalle!
Seht, der Gott, sein Leib ist in Furcht
vor den Feinden, die sich verwandelt haben.
Zündet die Fackeln an, ihr Hüter der Kammer,
ihr Götter in der Finsternis!
Übt eueren Schutz aus für eueren Herrn,
teilt die Stunden ein für den Herrn der weißen Krone,
bis Horus kommt aus Heliopolis,
dem die großen Atef-Kronen gegeben wurden.
Es erscheint die Macht des Imiut,
es freuen sich die Hüter der Kammer,
die ältesten haben ihre Pantherfelle empfangen,
und die Stäbe werden aufgerichtet vor der Balsamierungshalle
für Anubis, der in Frieden gekommen ist,
erschienen als Wesir.
 
Er sagt: "Ihr sollt Schutz ausüben, ihr mit aufmerksamen Gesichtern,
die die Reinigungsstätte beobachten und achthaben auf die, die im Gefolge des Nebedj kommen!
Ihr, die ihr eintretet in Erlesenste, die ihre Atemluft erschaffen,
die das tägliche Opfer dieses großen Gottes, des Herrn der Götter bereiten,
die die Türen bewachen für ihren Herrn!
Eilt herbei und packt an im Palast!
Große Mattigkeit herrscht in der Balsamierungshalle  
wegen dieses Gottes, der hier vor mir ist,
in Furcht versetzt in seinem Palast!"
So spricht Anubis.
 
Es ist nicht gut in der Meinung derer, die gegenwärtig sind,
was in ihrer Mitte gesagt wurde:
"Ihm wird ein Schaden zugefügt in seinem Palast
seitens dessen, der ihm schon einmal etwas angetan hatte!"
Vielmehr wird der Dämon gepackt, der in der Finsternis ist,
und Schaden wird seiner Bande zugefügt!

 
 
 
Die Riten nahmen ihren Lauf. Stunde um Stunde dauerte die Totenwache im Festzelt, das mit Girlanden und Stabsträußen geschmückt war. Die Priester lasen die alten Riten. Schließlich, in der dritten Stunde der Nachtwache, erreichte die Zeremonie ihren vorläufigen Höhepunkt.
Zwei Chöre besangen im Wechselgesang die Ankunft Hetemet-scheris im Totenreich. Nun galt es,sie auf dem Weg in die Unterwelt zu begleiten.
 
Tawabet, die die schlafende Tachat auf ihrem Schoß gebettet hatte, verfolgte mit heiligem Schaudern das Geschehen. Ihr Blick fiel auf Amunherchepeschef, der ganz gegen das Protokoll seiner Trauer nun freien Lauf ließ. Die Tränen rannen dem jungen Mann über die Wangen. Er wirkte fast ein wenig verloren, obwohl er doch im Kreise seiner Familie saß.
 
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Amunherchepeschef
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #73 - 10/13/06 um 06:12:40
 
Verloren fühlte Amunherchepeschef sich auch tatsächlich. Diese Riten riefen ihm den plötzlichen Tod seiner geliebten Frau wieder in die Gegenwart zurück, ließen ihn erneut den Augenblick durchleben, als er sie tot in ihrem Bett liegend gefunden hatte. Wie der Mörder sie hindrappiert hatte! Amuni sah das lange, aufgelöste, sauber über die Kopfstütze gelegte Haar vor sich, den unnatürlichen Ausdruck des gesichts, die zugedrückten Augen. Warum? Warum fragte er sich immer noch, und da halfen ihm die Aussagen, die die fanatischen Mörder gemacht hatten, auch nicht weiter...
 
Als eine Sängerin in Gestalt der Isis (sie symbolisierte die Witwe des Verstorbenen) in der 7. Nachtstunde die Suche nach Osiris besang und ihre Trauer zum Ausdruck brachte, sang er das Lied leise und kaum hörbar mit:  
 
Ich habe den goldenen Schrein geöffnet,
doch mein Auge ist von Finsternis versiegelt,
obwohl es bis zu den vier Ecken blickt!
Ich habe den goldenen Schrein geöffnet,
aber mein Herz ist in Verzweiflung und Qual,
es hat Wunden in meinen Leib gespien.
Ich habe den Schrein geöffnet und will ihn zwingen,
ich rufe ihm zu, wenn er antwortet,
werde ich von seiner Stimme leben.
Ich habe den Schrein geöffnet,
ach gäbe es Öffnung ohne Schließung,
gäbe es Antwort ohne Schweigen!

 
Ach, gäbe es Antwort ohne Schweigen... In diesem Lied war es wirklich gelungen, die Trauer und den Schmerz zum Ausdruckk zu bringen, der einen liebenden Menschen erfaßte, wenn der Tod ihm seinen größten Schatz genommen hatte.  
 
Der Chor sang weitere Strophen und geleitete so die Tote von Tor zu Tor der Unterwelt. Dadurch wurde sichergestellt, dass Hetemet-scheri unversehrt in der Halle der absoluten Wahrheit ankam.  
 
Schließlich trat anstelle der Verstorbenen   ein weiß gekleideter Priester hervor. Kahlrasiert und mit einer Binde um den Kopf vertrat er die Tote und antwortete auf die Klage der Isis an ihrer Stelle:
 
Warum soll die Einsamkeit schlimm sein für mich?
Ist die Erde in Angst um mich?
Ist es die Menge, der ich mich zuwende?
Ist unzugänglich, was vor mir liegt?
Ist es nicht vielmehr das, was hinter mir liegt?
Sind denn Busiris und Abydos ohne mich?
Ach, könnte ich doch Memphis schauen,
könnte ich doch nach Heliopolis gehen!
Sind die Städte und Gaue in Angst um mich?
Ich will gehen und alle Gesichter erblicken in einer anderen Gestalt,
ohne dass sie es erkennen bei einem anderen Mal.
Siehe, die Erde, deren Anblick ich gekostet habe,
ich will ein Gewölbe aufspannen, wenn sie sich mir zuwendet!

 
Das war das Versprechen, dass der Totenglaube gab: dass der Kontakt gewahrt bliebe auch über diese letzte aller Grenzen hinaus. Dass der Tote eben nicht tot war, sondern lebendig, aber nicht erkennbar für die Hinterbliebenen. Amuni faßte ein wenig neue Hoffnung.
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Re: Die Stadt des Amun
Antworten #74 - 10/13/06 um 12:50:30
 
Als das Lied endete, erwachte Tachat.
Sie regte sich erst langsam und blinzelte, riß dann die Augen weit auf und setzte sich mit einem Ruck gerade hin, weil sie nicht wusste, wo sie war und die fremde Umgebung sie verwirrte.
Aber dann erkannte sie ihre Oma, bei der sie so schön kuschelig geschlafen hatte, auch ihren Vater, der unmittelbar daneben saß und offensichtlich geweint hatte, wie die Kleine erschrocken feststellte.
Von einer plötzlichen Eingebung getrieben hopste sie Amuni auf den Schoß und schlang ihre Ärmchen um ihn.
 
"Ist Mama schon da?" wollte sie wissen und linste über seine Schulter.
Nicht, daß sie die Ankunft ihrer Mutter verschlafen hätte...obwohl, daß wäre auch nicht schlecht...sie würde einfach weiterschlafen und wenn sie aufwachte, dann wäre wieder alles in Ordnung!
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